Sonntag, 26. Juli 2009

Diabetes-Kinder in Bremsdorf

Bremsdorf. In der Jugendherberge Bremsdorfer Mühle lernen jetzt 65 Kinder, die an Diabetes erkrankt sind, in einem Ferienkurs den richtigen Umgang mit ihrer Situation. 28 Betreuer kümmern sich um die Kinder.


Wenn Laura Oberender (10) über den Rasen läuft und mit ihrem unbekümmerten Lachen auf einen zusteuert, so denkt jeder Laie, man habe ein normales, fröhliches Mädchen vor sich. Doch dieser Eindruck wird jäh zerstört. "Laura, wo hast Du heute Deine Insulin-Pumpe?", fragt der Mediziner Dr. Karsten Milek. Die Schülerin aus Thüringen bleibt kurz stehen und antwortet, dass sie die Anlage heute nicht am Bauch, sondern am Oberschenkel angesetzt habe. Kaum hat sie geantwortet, saust sie wie ein Wirbelwind in Richtung ihrer Freundinnen davon.

Natürlich sei Laura Oberender ein fröhliches Mädchen, versichert der Arzt, "und wir wollen auch alles dafür tun, dass sie so bleibt. Aber eben ein Kind mit Diabetes."
Diabetes mellitus Typ 1. So lautet der Begriff der Ärzte für diese Krankheit. Es gibt verschiedene Formen von Diabetes. Bekannt ist die Altersdiabetes, von der hauptsächlich Rentner betroffen sind. Bei dieser Altersdiabetes, auch als Typ II bezeichnet, wird das lebenswichtige Hormon Insulin zwar nicht mehr im notwendigen Maße produziert, aber noch kann die Bauchspeicheldrüse körpereigenes Insulin herstellen.
Ganz anders ist die Lage bei den Kinder in der Bremsdorfer Mühle. Sie alle leiden an Diabetes mellitus Typ 1 - ihr Körper stellt kein eigenes Insulin mehr her. Aber ohne dieses Hormon kann der Körper Zucker nicht mehr aufnehmen, es fehlt damit die Energie fürs Leben.

Diese Kinder sind daher zwingend auf künstlich hergestelltes Insulin angewiesen, dass sie sich täglich in genauen Dosen per Spritzen oder per fest installierter Pumpe zuführen müssen.

Für 14 Tage sollen sie nun Erholung im Schlaubetal finden, sollen unter Ferienlagerbedingungen spielend an das Thema herangeführt werden. "Mir gefällt es hier gut, man hat uns hier sehr freundlich aufgenommen und die Betreuer sind sehr aufmerksam", schildert Moira Dannweck (14) aus Hamm in Nordrhein-Westfalen ihre Eindrücke.

Zum Betreuungsteam gehören neben Facharzt Milek u.a. Krankenschwestern, Diätassistenten, Laborkräfte - insgesamt mit dem Arzt sind es 28 Helfer. "Wir müssen alles dabei haben - von der eigenen Krankenstation bis zum Labor. Wir sind fast ein kleines reisendes Krankenhaus", sagt er. Der Facharzt für Innere und Allgemein-Medizin mit Schwerpunkt Diabetes praktiziert heute in Sachsen-Anhalt; seit 18 Jahren kümmert er sich um diese Ferienlager, an denen inzwischen rund 1500 Kinder teilgenommen haben. 2004 wurde er für sein Engagement mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Im vergangenen Jahr kam man zum ersten Mal zum Ferienlager in die Bremsdorfer Mühle. "Wir brauchen viel Platz, nicht nur für die Kindern zum Schlafen, sondern auch für die Unterrichtsstunden, das Labor und die Medizinstation", berichtet er. Da es allen im vergangenen Jahr gut gefallen hat, kam man in diesem Jahr wieder ins Schlaubetal.
Für viele Kinder - sie sind zwischen sechs und 16 Jahren alt - sei ein solcher Aufenthalt schon eine Umstellung. Besonders die kleinen würden starke Sehnsucht nach Mutter und Vater haben. "Einige Eltern sind sogar mitgereist. Sie übernachten aber nicht in der Jugendherberge, sondern haben sich Quartiere in der Umgebung gesucht", erläutert Karsten Milek.

Auf dem Unterrichtsprogramm stehen Themen wie "Verhalten bei Schock und Koma", Insulinsorten, Injektionsmöglichkeiten, "Alles für Pumpis" bis hin zu Körper- und Fußpflege und Sexualität.

Und es geht auch um ganz alltägliche Themen für die Ferienzeit. "Wir packen unseren Koffer, was brauchen wir alles", fragte eine Betreuerin eine Gruppe von kleinen Mädchen. Tina Anacker (7) aus Weißenfels hebt den Arm: "Nadeln", sagte sie. Ihre Freundinnen ergänzen die Liste: Teststreifen, Ampullen, Desinfektionsmittel, Traubenzucker.
Ein Diabetiker müsse aber auch darauf achten, dass sein Insulin bei einer Flugreise sich nicht im großen Gepäck, sondern in der Bordtasche befindet. Auch sollte man darauf achten, den Vorrat zu teilen, rät die Lehrerin. Wenn ein Koffer mit der einen Portion beispielsweise gestohlen wurde, dann sollte man in einer andere Tasche immer noch eine zweite Portion verfügbar haben.

Zum Ferienprogramm gehören natürlich auch sommerliche Aktionen wie Wanderungen und Bade-Ausflüge. "Wir wollen ins Bad in Eisenhüttenstadt. Dafür brauchen wir einen Bus. Im vergangenen Jahr hat uns der Busverkehr Beeskow ganz toll geholfen", sagte Karsten Milek.

Finanziert wird der Aufenthalt durch Krankenkasse. Aber nicht alle machen da mit. "Einige Krankenkassen übernehmen die Kosten für das Kind, andere lehnen es ab", berichtet der Arzt. Für die kranken Kinder gebe es Kuren und Reha-Maßnahmen, aber das Ferienlager sei ein "Kann-Projekt". Die Sachbearbeiter können zustimmen, sie müssen aber nicht.
Es sei doch besser, wenn die betroffenen Schüler mit ihren Altersgenossen in einem Ferienlager spielend mit der Materie vertraut gemacht werden, statt in einem Erwachsenen-Kurort eine Reha zu absolvieren. Dieses Konzept trägt bei Bianca Giesecke (14) aus Hamburg schon Früchte: "Ich fühl mich hier wohl, alle lachen, alle sind fröhlich, da macht das Lernen in dieser Stimmung viel mehr Spaß." Zustimmung erfährt sie von Lysann Harland (13), ebenfalls aus Hamburg: "Krank sind wir alle hier. Aber es ist gut, wenn wir untereinander darüber sprechen können. Wir unternehmen viel, es ist eine schöne Gegend - da kommen wir auch auf andere Gedanken."

Das Ferienlager lädt am 1. August ab 10 Uhr interessierte Kinder und Eltern zu einem kleinen Diabetikertag in die Jugendherberge ein.

Artikel aus der MOZ, erschienen am 23.07.2009